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September 18, 2015

Von Sonnenbrand und Mückenstichen, vom leeren Tank und von der Anziehungskraft des Schlaglochs

17.9. Was sich wie ein Desaster-Tag anhört, ist eigentlich halb so schlimm... Vor gut zwei Wochen sagte ich dem Gatten, dass er schon einmal Sonnencreme und Mückenspray mitnehmen könne, denn das braucht es im kanadischen Spätsommer bzw. Herbst nicht mehr. Von wegen! Während ich in den anderen Provinzen eher selten mit Sonne und noch weniger mit Moskitos zu tun hatte, gibt es hier in Nova Scotia von beidem noch reichlich.


Um 10 Uhr geht es heute auf der Lighthouse Route immer am Wasser entlang. In Riverport setze ich nach LaHave mit einer niedlichen Kabelfähre über und spare mir so eine 3/4 Stunde und ca. 30km Umweg.


Wie der Zufall es will, wohnen zwei "alte Bekannte" aus Calgary-Zeiten nur 20km südlich von meinem temporären Domizil. Und meine heutige Tagesetappe führt sogar direkt bei ihnen vorbei. Per moderner Kommunikationsmittel wird kurzfristig ein Treffen verabredet.

Blick vom Haus auf Crescent Beach

Die beiden sind zwar ein bisschen im Stress, da sie just heute Familienbesuch erwarten, aber nehmen sich dann doch die Zeit für einen ausgedehnten Klönschnack. Schön war's, Ihr zwei. Ich hoffe, man sieht sich mal wieder...


Kurz nachdem ich die beiden verlassen habe, fängt der Motor an zu stottern. Nanu? Benzin alle? Jetzt schon? Nun, ich bin ja am Vortag zügige 110 bis 120 km/h gefahren, da muss sich Betty ganz schön was 'reingezogen haben. Ich fummle am Reservehahn. Ups, der Hebel steht ja schon auf Reserve. Damit ist es offiziell: ich sitze auf dem Trockenen.

Gut, dass ich die Benzinflasche dabei habe. Der Liter verdunstet zwar sofort im Tank, aber ein besorgter Anwohner, der sich gerade ein Bild von meiner Situation machen will, bringt Entwarnung und Erleichterung: nur wenige Kilometer entfernt gibt es einen General Store mit Tanksäule und ich bin gerettet. Ich mache sowohl den Tank als auch die Flasche wieder voll: 14,7l. In den Tank passen 13.8l, damit bin ich zum Schluss wirklich nur noch auf Benzindämpfen gefahren...



Es ist heute einfach zu warm zum Mopped fahren (dass ich das in diesem Urlaub noch mal sagen würde...) und so ich fahre 'runter an den Crescent Beach, setze mich in den Sand und genieße die Sonnenstrahlen. Also, wenn es mich nicht schon vorher beim Quatschen auf der Terrasse erwischt hat, jetzt habe ich ihn sicher... den Sonnenbrand.


Zudem werde ich immer mal wieder von irgendwelchen blutsaugenden Viechern angezapft. Also ziehe ich noch einmal weiter.


Am Leuchtturm von Port Medway finde ich einen schönen überdachten Picknickplatz. Dazu weht ein Wind, der mir die fliegenden Vampire vom Hals hält. Ich mache es mir gemütlich und verbummle den Nachmittag. Darüber ist vier Uhr geworden. Also setze ich mich auf die Schnellstraße und bin innerhalb einer knappen Stunde wieder am Cottage angekommen.


Kurz vor meinem Ziel fahre ich durch das wohl tiefste Schlagloch Nova Scotias, wenn nicht Kanadas. Das ist kein normales Schlagloch, sondern ein schwarzes Loch. Unsichtbar, im Schatten liegend, wird Betty da hinein gezogen. Jedenfalls haut es mich fast aus dem Sattel und ich höre ein verdächtiges Geräusch von hinten. Uh, oh. (höre ich die Teletubbies sagen).

In der Garage meiner Gastgeber angekommen mache ich mich sofort auf die Suche, prüfe die Speichen, checke die Stoßdämpfer und den Druck der Vordergabel. Da scheint alles ok. Die Kettenspannung sieht auch ok aus. Ich kann keinen offensichtlichen Defekt erkennen (soweit das für mich als Laien überhaupt möglich ist).

Dann rüttle ich an den Satteltaschen. Aha! Der linken Satteltasche hat es fast die Befestigung abgerissen. Ich hole mir die Erlaubnis vom Eigentümer, Werkzeug und Ersatzteile benutzen zu dürfen und schraube ein bisschen an der Halterung herum. Es scheint nichts gebrochen, sondern nur gelockert. Ein paar Handgriffe später macht diese wieder einen soliden Eindruck. Ich hoffe, dass das Mopped sonst nichts abbekommen hat. Eigentlich müsste es so einen Stoß schon mal abkönnen... So, jetzt gehe ich erst einmal den Sonnenbrand und die Mückenstiche pflegen...

September 15, 2015

Auszeit

14.9. Nach neun Tagen habe ich inzwischen über 3.000km abgespult und bin nach den ganzen Eindrücken, der vorübergehenden Sprachbarriere (mein Französisch reicht leider nicht für geselligen Smalltalk), nach Wind und Wetter und kleinen Problemen mit dem Mopped, bzw. dem Auspuff, reif für die Insel.


Irgendwie warte ich immer noch auf eine Erleuchtung, die mir diese Reise bringen soll. Schließlich ist man mutterseelenallein unterwegs und denkt stundenlang in seinen Helm hinein. Aber bisher kam mir nichts dergleichen, außer, dass ich typische Begegnungen unterwegs vermisst habe. Mein Französisch hat eben kein Konversationsniveau. Das änderte sich schließlich erst, als ich im zweisprachigen New Brunswick angekommen war, da gab es bei Tim's, im Supermarkt oder an der Tankstelle immer mal einen netten Plausch.


Auch ein B&B ist ja so ein Treffpunkt von und für Durchreisende und somit immer eine Quelle für Smalltalk. Am Frühstückstisch hatten sich heute zwei Damen aus Victoria und Winnipeg, ein junger Mann aus Montreal und ein frisch verheiratetes Paar von der Insel versammelt und es kamen richtig nette Gespräche auf. So etwas mag ich.

Weiterhin ist "das Leben" im B&B viel vornehmer und angenehmer, als im Motel. Da man Gast in einem bewohnten Haus ist, nimmt jeder Rücksicht auf den anderen, es werden keine Türen geknallt, es wird nicht herum gebrüllt und es heult auch kein Motor auf. Das ist in einem Motel schon manchmal anders... Vielleicht sollte ich bei meiner Übernachtungsauswahl in Zukunft etwas mehr Wert auf das Zwischenmenschliche legen.


So, ein bisschen bin ich dann heute doch noch ausgeritten. Ich fuhr in eine Motorradwerkstatt, um endlich den Auspuff professionell befestigen zu lassen. Im Ort Summerside bei Centennial AST angekommen hatten die Mechaniker gerade Mittagspause und man bat mich freundlich, in einer halben Stunde wieder zu kommen. Ich ging also solange zu Tim's, trank meinen Tee und surfte im Netz und stand eine Stunde später wieder auf der Matte.

Dort wartete bereits Paul, der Service-Leiter auf mich, nahm die Schlüssel und fuhr die Shadow direkt in die Werkstatt. Eine Viertelstunde später waren alles Schrauben ersetzt, und mit Loctite gesichert. Kostenpunkt: Null, nix. Eine gute Reise hat er mir noch gewünscht. Ist das Service oder was? Dafür gab es dann auch 10$ Trinkgeld. Ich konnte doch nicht einfach so wegfahren.












Danach bin ich einfach ohne Plan dem Küstenverlauf gefolgt. Irgendwann falsch abgebogen fand ich mich plötzlich auf einem Feldweg aus rotem Lehm wieder. Und es fing gerade jetzt auch noch an zu gießen. Oh wei, war das eine schlüpfrige Angelegenheit. Im Schritttempo arbeitete ich mich vor, denn ich traute mich einfach nicht, auf diesem Schlick zu wenden. Und weit und breit war keine Seele in Sicht. Aber mein Karma war gut und bald war ich wieder auf befestigter Straße.


Und dann passierte dies: Ich hielt gerade für einen Schnappschuss an, als ein älterer Herr mich fragte, ob er von mir ein Foto machen soll, sprach's, übernahm die Kamera und knipste ein paar Bilder, die auch ganz gut geworden sind.












Aber das war noch nicht alles: Er bot an, mir eine schöne Strecke zu empfehlen und lud mich zu sich ins Haus ein. Seine Frau stand bereits in der Tür und winkte mit dem Kaffeepott. Und plötzlich saß ich am Tisch und trank Kaffee mit Judy und Curtis, zwei Amerikanern, die auf PEI Urlaub machten.


Über eine Stunde redeten wir über dieses und jenes. Dabei kam heraus, das Curtis deutsche Vorfahren hat, die aus dem heutigen Elsass stammen, und die beiden letztes Jahr Colmar und Straßburg besucht hatten, welche beide quasi bei uns im Schwarzwald um die Ecke liegen. Zufälle gibt's!


Erst der freundliche Mechaniker, dann dieses Paar... es sieht so aus, als wenn man die nettesten Menschen auf der Insel trifft. Mmmm, vielleicht hänge ich noch einen Tag dran. Hier gefällt's mir irgendwie.


Die heutige Strecke:

September 04, 2015

Begegnungen im Nirgendwo

1.9. verließen wir den schönen Algonquin Park und machten uns wieder einmal auf, einen Menschen zu treffen, den Sonja bisher nur über seinen Blog kannte. Dave war so nett, uns für zwei Tage in seine Hütte am See einzuladen und hatte uns angeboten, uns Kanadas Hauptstadt Ottawa zu zeigen.

Doch bevor es dazu kam, hatten wir eine unglaubliche Begegnung: Beim einzigen Tim Horton's (wo auch sonst) im Umkreis von 50km in Barry's Bay, einem 1300 Seelen-Dorf im Madawaska County saßen wir gerade beim Kaffee und checkten unsere Emails, als uns ein netter Herr ansprach, ob wir wohl deutsch sprechen würden.

Aber klar, antworteten wir und so stand er da, schaute uns an, schüttelte den Kopf und sagte: Das fasse ich nicht! Wir dachten ok, wo wird uns dieses Gespräch hin führen? Und wir warteten seine Antwort ab: Ich verfolge Euren Kanada-Blog schon seit zehn Jahren, berichtet der Mann, der sich inzwischen als Eugen vorgestellt hatte. Jetzt war es an uns, ungläubig drein zu blicken.

Eugen erklärt, dass er mit Familie vor fünf Jahren ausgewandert und inzwischen Permanent Residency hat. Er läuft hinaus und holt seine Frau Emma wieder hinein zu Tim's. Und für die nächste Stunde unterhielten wir uns, als wenn wir uns schon ewig kennen würden.

Emma&Eugen mit Magers

Kann man sich das vorstellen? Ein Tim's am A.d.W. und der Mann erkennt uns von unserem Auswanderer-Blog wieder... Wir sollten wohl mal Lotto spielen.

Wir bekamen neben ihrer persönlichen Geschichte noch einige Tipps mit auf den Weg und dann trennten sich unsere Wege leider schon wieder. Aber wir haben das Gefühl, dass wir die beiden nicht zum letzten Mal gesehen haben...


Wir lernten über diese Gegend, dass im 19. Jahrhundert eine Einwanderungswelle von Kaschubiern und Deutschen statt fand. Hier gab es die ersten polnische (kaschubischen) Ansiedlungen. Leider hatte das hiesige Museum in Wilno geschlossen. Unser Weg führte uns weiter über das Land, vorbei an Golden Lake und Egansville.


Überall Bilderbuchfarmen und gepflegte Gärten. Wir fragten am Visitor Center, warum es überall so aufgeräumt aussehen würde und bekamen (und da war eindeutig Stolz in der Stimme) zu hören, das kommt von unserer deutschen Herkunft. Schaut mal auf der anderen Seite nach, da wohnen die Iren... wir beließen es bei dieser Aussage.


Schließlich kamen wir in Renfrew bei Tim Horton's (wo auch sonst) an, wo wir uns doch mit dem noch unbekannten Blogger Dave treffen wollten. Wie wir, war auch er zu früh dran, und auch er erkannte uns sofort. Ob er wohl auch deutsche Wurzeln hat? Nein, nicht er, sagte Dave, aber seine Frau... 


Wir folgten dann Dave's Harley ins tiefste Hinterland. So kam es uns jedenfalls vor. Eine halbe Stunde fuhren wir über Wege, die nicht mehr auf unserem Navi angezeigt wurden. Schließlich bogen wir in einen weiteren Schotterweg ab, und nach ein paar Kilometern standen wir vor seiner "Hütte". Nun, sagen wir mal, unser 80qm Apartment würde locker drei Mal in dieses Gebäude passen. 


Ein wunderschön wilder Garten umgibt das Haus, die Garage ist wiederum extra (Mann braucht schließlich Spielzeuge für jede Jahreszeit...) und die Terrasse hat einen Seeblick. Das darf doch gar nicht wahr sein. Purer Luxus mitten in der Wildnis.


Wir wurden schnell warm miteinander, stellen fest dass wir ähnliche Interessen in Politik, Kunst, Musik und Kultur hatten und bereiteten gemeinsam das Abendessen vor. Sonja übernahm mal wieder die Küche, während der Hausherr draußen am Barbecue grillte. Es gab frischen Mais, den wir vorher bei einem lokalen Stand "geschossen" hatten, sowie Fleisch vom Supermarkt für die Männer.


Wieder ging ein ereignisreicher Tag mit großartigen Begegnungen vorbei. Unsere Karma-Punkte scheinen uns einfach nicht auszugehen (hoffentlich bleibt das so). Life is good!