8.9. Für den Morgen steht der Besuch einer Geisterstadt auf dem Programm. Eigentlich ging es mir ja um den dortigen 72m hohen Wasserfall, die Ouiatchuoan Falls. Der Ort Val Jalbert in der Nähe von Chambord wurde 1901 mitten in der Wildnis allein für die Herstellung von Zellstoff aus dem Boden gestampft. Die Häuser waren für damalige Verhältnisse modern, hatten sogar Elektrizität und Wasserspülung (damals noch kein Standard in der Gegend).
26 Jahre lang wurde hier Holz verarbeitet und per Bahn und Schiff über den Lac-Saint-Jean in die Zivilisation versendet. Es gab Wohnhäuser für Familien, eine Schule, ein Warenhaus, ein Postamt und natürlich die Fabrik.
Das Wasser wurde zur Energiegewinnung genutzt, deswegen wurde die Produktionsstätte auch direkt am Fluss gebaut. Oberhalb gab es einen Staudamm, der zur Regulierung des Durchflusses genutzt wurde.
1927 war das Werk nicht mehr profitabel und wurde einfach verlassen. Bis 1960 standen die 70 Gebäude leer und waren Natur und Wetter und somit dem Verfall ausgesetzt. Das änderte sich, als ein Park aus dieser Anlage entstand und viele der Häuser wieder instand gesetzt wurden. Der Besuch dieses Museumsdorfes hat seinen Preis: 31$, ist aber gut investiert, wenn man sich für Industriekultur und natürlich Wasserfälle interessiert.
Über viele Stufen führt ein recht neu angelegter Holzweg zu den kleineren (aber immer noch 49m hohen) Maligne Falls, die zwar zu sehen, aber leider nicht von Nahem betrachtet werden können.
Über die Holztreppe geht es wieder hinab ins Tal. Noch einmal bietet sich ein Ausblick von oben an.
| Blick über den Lac-Saint-Jean |
Wieder unten angekommen folge ich der alten Bahntrasse. Hier ist schon lange kein Zug mehr vorbei gekommen. Ein letzter Blick auf die beeindruckenden Fälle...
Und eine Begegnung mit kanadischem Wildlife: Und täglich grüßt das Murmeltier.
Auf ausgetretenen Pfaden geht es nun durch einen Canyon am Fluss entlang. Ich stelle fest, ich bin die einzige hier und dem Weg nach zu urteilen, läuft hier nicht so oft jemand herum.
Mein Urlaubstipp: Der Eintritt ist sein Geld wert. Was anfänglich den Eindruck einer Touristenfalle macht, wird zum echten Highlight, wenn man die vorgegebenen Wege verlässt und sich selbst auf Erkundungstour begibt.
Ich bin mir sicher, heute ohne Navi fahren zu können (schließlich gibt es ja nicht so viele Straßen hier), doch als ich an einem Schild vorbei fahre, auf dem steht: nächste Tankstelle in 103km, dachte ich mir doch, hier kann was nicht stimmen. Ich bin doch tatsächlich bei der einzigen mehrspurigen Gabelkreuzung etwas zu weit nach rechts abgebogen. Also umdrehen und das Navi vorsichtshalber Richtung La Baie eingestellt. Das Bike und ich haben Hunger. Hier finde ich ein Cafe für Suppe und Tee und eine Gas Bar für meine Betty.
Am Saguenay Fjord ist es kühl und windig und ich muss doch tatsächlich meine Fleece Jacke über ziehen.
Einer nutzt den Wind auf seine Weise. Ein schöner, aber sehr gefährlicher Sport.
Dieser Monsterfisch gehört wohl zu den unzähligen sonderbaren Roadside Attractions, die man in ganz Nordamerika finden kann.
Nach der Mittagspause setze ich meinen Weg nach Osten Richtung St. Simeon fort. Dort will ich die Fähre über den St. Lorenz Strom nach Rivière du Loup nehmen. Der Strom ist inzwischen so breit, dass es hier keine Brücken mehr gibt.
Auf meinem Weg dahin überfahre ich fast ein Stachelschwein, welches über die Straße läuft und auf halber Strecke entscheidet, umzudrehen. Da ich nicht weiß, ob die Stacheln den Reifen gefährlich werden können, bin ich auf den Seitenstreifen ausgewichen und wäre fast im Schotter gelandet... aber Betty und ich hatten die Situation (fast) voll im Griff. Dennoch werde ich besser nach dieser Aktion im Zweifel draufhalten und keine Ausweichaktionen durchführen. Es sei denn, es handelt sich um einen Elch... der wäre im Zweifel stärker als wir.
Ein Abstecher bringt mich bei Petit Saguenay noch einmal an den Fjord heran. Ein idealer Platz für eine Snack-Pause.
Und wieder eine dieser Roadside Attractions: diesmal ein Beluga, die im Fjord des öfteren zu sehen sind. Mmm, vielleicht setze ich noch Whale Watching auf meine To-Do Liste...
Als ich in St. Simeon ankomme zeigt mir der Tripp-Zähler einen Kilometerstand von knapp 1200km an. Das macht also bisher einen Tagesdurchschnitt von 250km. Mehr braucht es auch nicht, ich bin ja nicht auf der Flucht und will schließlich etwas sehen.
Ich warte auf die 17:30 Uhr Fähre, die jeden Moment anlegen wird. Die Wartezeit verkürze ich mir mit einer Knusper-Mischung aus dem Biomarkt in Quebec City. Kraftfutter ist eben nicht nur für Studenten. Die Überfahrt kostet für mich und mein Mopped knapp 50$. Das ist nicht preiswert, aber man ist auch gut 1 1/2 Stunden unterwegs.
Leider muss ich bis zum Schluss warten, obwohl ich ganz vorne stehe. Grummel! Aber das macht nichts, denn es wollten auch nur etwa 20 Fahrzeuge an Bord, d.h. die Fähre ist fast leer. Man merkt, das Saisonende ist nah.
Normalerweise sag ich ja: Wenn ich den See seh', brauch' ich kein Meer mehr. In diesem Falle funktioniert es auch mit dem St. Lorenz Strom, der hier definitiv bereits Ozean-Character besitzt.
Es dämmert, als ich in Rivière du Loup ankomme und so steuere ich das Loupi Motel an, welches zwei Minuten vom Fähranleger entfernt gelegen ist. Offensichtlich ist es kein Problem, ein Zimmer zu bekommen... die Saison ist wirklich fast vorbei. Ich bin der einzige Gast.
Und wieder muss ich sagen, das die Motelerie in Quebec wirklich ausgezeichnet ist. Dieses Motel ist, obwohl in die Jahre gekommen, picobello sauber, geräumig und gepflegt. Flachbildschirm, Internet und Kühlschrank inklusive. Und einen Ausblick über die Bucht gibt es auch!
Nach der langen Fahrt mache ich mich zu Fuß ins Dorf auf und esse Gemüse Chow Mein beim Chinesen. Das Ganze wird (unpassenderweise) mit einem Glas Rotwein 'runter gespült. Müde falle ich dann gegen halb zehn abends ins Bett und träume davon, Murmeltieren, Stachelschweinen und Monsterfischen auszuweichen.
Stachelschweine! Cool! Ich gebe zu, mir noch nie Gedanken gemacht zu haben, wo die denn normalerweise leben.
ReplyDeleteWas ich interessant finde, das ist der Motorradparkplatz an der Fähre. Auch wenn die Motorräder zuletzt auf die Fähre dürfen, da hat offenbar jemand mitgedacht.
Solche Geisterstädte finde ich extrem spannend. Alles Alte reizt mich ungemein. Was da wohl alles passiert ist, was die Leute erlebt haben und so weiter, und so weiter. Höchst spannend.
Ja, die Geisterstadt war wirklich gut, kann ich trotz des hohen Eintrittspreise jedem empfehlen.
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